„X Factor“ und die (Ohn-) Macht der Gefühle

Willkommen in der Welt der Gefühle. Seien sie nun echt oder nicht – sehenswert sind sie trotz allem, inklusive Fremdschämen. Ob Sarah Connor nun mit verträumter Gestik verzückt ihren Kandidaten lauscht, Till Brönner glänzende Augen beim Auftritt von David Pfeffer kriegt oder Das Bo Tränen in die Augen steigen, wenn er eine seiner Damen heimschicken muss – die Fernsehkamera ist immer voll dabei – und voll drauf.

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Willkommen in der Welt der Gefühle. Seien sie nun echt oder nicht – sehenswert sind sie trotz allem, inklusive Fremdschämen. Ob Sarah Connor nun mit verträumter Gestik verzückt ihren Kandidaten lauscht, Till Brönner glänzende Augen beim Auftritt von David Pfeffer kriegt oder Das Bo Tränen in die Augen steigen, wenn er eine seiner Damen heimschicken muss – die Fernsehkamera ist immer voll dabei – und voll drauf.

Dienstagabend, und irgendwie ist „X Factor“ heute ein bisschen wie DSDS. Okay, die Kandidaten singen im Schnitt besser, und die Jury besteht aus Menschen, die tatsächlich was von Musik zu verstehen scheinen. Es gibt keine Schläge unter die Gürtellinie, und Fäkalausdrücke sind absolute Mangelware. Und Moderator Jochen Schropp wirkt im Gegensatz zu seinem RTL-Kollegen Marco Schreyl wie ein Rohdiamant, dem man ohne Zögern die Nachfolge von Wetten-Dass-Thommy anvertrauen möchte.

Das Drumherum scheint also zu stimmen – Qualität auf und vor der Bühne, und dazu ein Publikum, das nicht an die Ränge römischer Gladiatorenkämpfe im Colosseum erinnert. Und dann das: Statt weiterhin den Fokus auf die Musik zu legen, triefen die Einspieler der Kandidaten plötzlich von rührseligen Geschichten. Die arme Monique, die in ihren 16 Lebensjahren schon so viel mitgemacht hat. 16 Jahre… und „X Factor“ soll schon die „letzte Chance“ sein? Mädel, mach doch erstmal den Schulabschluss… Raffaela erzählt von ihrer viel zu früh verstorbenen Freundin. Das bringt Sympathien – und Quote. Und David muss sich den VOX-schen Kuppelversuchen aussetzen lassen. Als ob ausgerechnet der Typ ohne Hilfe keine Freundin finden würde!

Der Zuschauer vor dem Bildschirm läuft innerlich schon rot an und ist geneigt, mal kurz den Gang zur Toilette oder – vielleicht noch besser – an den Kühlschrank zur betäubenden Bierflasche anzutreten, bis dann endlich wieder die künstlerischen Fähigkeiten der Kandidaten gefragt sind.

Liebe VOX-Produzenten: Das habt Ihr doch nicht nötig! Eure Kandidaten sind auch so schon gut genug, und an Eurer Stelle würde ich lieber auf die paar Verzweiflungsanrufe, die aufgrund der Geschichten extra reinkommen, verzichten. Das täte der Qualität der Sendung nur gut. Zeigt uns statt Kuppelversuchen und Familienbildchen doch lieber mal, wie’s mit dem musikalischen Background der Jungs und Mädels bestellt ist. Ein Besuch im Proberaum von Davids Band z.B. würde unter Umständen mehr aussagen als die Szene, in der er in der Disco zweifelhaften Flirtversuchen ausgesetzt ist. Und nur so ganz am Rande: Gestern flog ausgerechnet die Kandidatin raus, die die rührseligste Geschichte präsentiert hat. Das Publikum braucht sowas nicht. Sonst könnten wir ja gleich zu DSDS gehen…

3 Kommentar

  1. Ganz schön spitzzüngig heute, die gute Cat!! Ich hab schön in mich rein gegrinst ;-))

    Wird Zeit, dass sich diese Castingformate wieder mehr auf Showhighlights besinnen als auf Gelaber-Langziehtaktik!!! Auch „Supertalent“ z.B. kann ich schon nicht mehr gucken, weil das Verhältnis von Vorzeigbarem zu Schrott (inklusive langweiligen Trailern vorweg) einfach ätzend ist!!!

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