„Wetten, dass?“ – Wie weit darf Fernsehen gehen?

Scroll this

Es ist ein folgenschwerer Unfall, der sich gestern Abend in der ZDF-Fernsehshow „Wetten, dass“ ereignet hat: Der 23-jährige Samuel K. knallte beim Versuch, einen fahrenden Pkw mit Sprungfedern zu überspringen, ungebremst auf den Hallenboden und blieb bewusstlos liegen. Mittlerweile steht fest: Der junge Mann hat sich bei der riskanten Nummer eine schwere Verletzung der Halswirbelsäule und Prellungen am Rückenmark zugezogen. Wie die Uniklinik Düsseldorf heute Nachmittag mitteilte, wurde Samuel am Vormittag notoperiert, nachdem Lähmungserscheinungen aufgetreten waren.

Dieser Unfall scheint nur die Spitze des Eisbergs im Kampf um die Quoten im deutschen Fernsehen zu sein. Bietet das „Supertalent“ spektakuläre Nummern, muss „Wetten, dass“ diese übertrumpfen – und umgekehrt. Auf Rädern, Inlinern, auf Skischanzen, Holperpisten – je gefährlicher das Ganze aussieht, desto mehr Zuschauer zieht die Nummer in ihren Bann. Ist also der Sender prinzipiell schuld, wenn sich Kandidaten in Lebensgefahr begeben? Oder die Kandidaten selbst? Oder gar die Zuschauer, die sich im Jahr 2010 offensichtlich zu langweilen scheinen, wenn das Risiko nicht hoch genug ist?

Zumindest nach dem Unfall hat das ZDF alles richtig gemacht: Die Szene wurde sofort abgebrochen, die Unfallsequenz nicht wiederholt. Der bewusstlose Kandidat wurde abgeschirmt, Thomas Gottschalk wand sich direkt an die Zuschauer und brach kurze Zeit später die Sendung ab. Die richtige und angemessene Reaktion auf ein Ereignis, das die Fortsetzung einer Unterhaltungssendung unmöglich macht. Und dennoch: Auf den einschlägigen Videoplattformen gibt es neben zahlreichen geschockten Anteilnahmen und Gute-Besserungs-Wünschen auch einige Stimmen, die darüber jammern, nun eben nicht Justin Bieber oder Take That gesehen zu haben. Man könne ja schließlich nichts dafür, dass der Unfall passiert wäre, und wolle trotzdem was sehen für sein Geld.

Eine Mentalität, die einem kalte Entsetzensschauer über den Rücken treibt. Wer könnte einen Auftritt genießen, welcher Sänger könnte unbeschwert sein Lied präsentieren auf einer Bühne, auf der noch kurz zuvor ein Schwerverletzter von Rettungskräften versorgt wurde? Und trotzdem… in unserer schönen neuen virtuellen Welt blenden wir Unangenehmes schnell aus und geben uns lieber so bald wie möglich wieder dem Schein der Perfektion hin – an Nachrichten von Operationen, Lähmungen und langer Rekonvaleszenz ergötzen wir uns kurzzeitig und wenden uns dann wieder ab. Floskeln wie „selber schuld“ sind schnell dahin gesagt.

Ein Unfall kann passieren – und wer sich das Fernsehprogramm von heute anschaut, muss sich eher wundern, dass es nicht schon mehr schwerwiegende Vorfälle gegeben hat. Selbst tu ich mir Sendungen wie das „Supertalent“ und „Wetten, dass“ schon länger nicht mehr an. Vorbei die Zeiten, in denen Leute auf Gottschalks Couch noch wirklich etwas zu sagen hatten. Heute fliegen die Stars erst während der Sendung ein, lassen ein paar Belanglosigkeiten und eine Menge Werbung für den neuesten Film/Song vom Stapel und huschen nach kurzer Zeit wieder davon. Durchgangsverkehr eben, ohne Tiefgang. Dafür dürfen Moderator samt (natürlich blonder) Assistentin jede Menge Albernheiten vom Stapel lassen, und natürlich: Die kreativen, tiefsinnigen Wetten finden sich eben auch nicht immer, und alles, was gefährlich aussieht, macht mehr Quote als jemand, der ein Gedicht rückwärts rezitieren oder ganze Fußballmannschaften am Fußschweiß unterscheiden kann. Da wäre sie wieder, die Sache mit der Quote. Jetzt schreit Fernseh-Deutschland wieder kollektiv auf, Politiker melden sich zu Wort, man müsse prüfen, was eben im Namen der besagten Quoten alles falsch gemacht wird. Letztendlich jedoch muss sich auch der Zuschauer fragen, wie lange er das Spiel ums Risiko noch mitspielt. Wer hier Entsetzen nicht nur heuchelt, sondern empfindet, sollte eben gelegentlich den Ausknopf an der Fernbedienung drücken.

2 Kommentar

Kommentar verfassen