„Musik muss authentisch sein“

Analogue Birds nennen sie sich, die beiden Musiker Tom Fronza und Sven Kosakowski, und vergleichen sich mit einer vom Aussterben bedrohten Tierart, denn so ähnlich fühlen sie sich als nicht ausschließlich kommerziell arbeitende Musiker auch manchmal. Ungewöhnlich ist ihr Stil auf alle Fälle, und ungewöhnlich ist auch das Instrument, das im Mittelpunkt steht: Das aus Australien stammende Didgeridoo. Mit diesem unterstützt Tom Fronza momentan auch die Gruppe von DSDS-Gewinner Thomas Godoj auf dessen großer Deutschland-Tour.

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Die deutsche Musikszene lebt! Noch nie zuvor gab es in unserem Land so viele junge, kreative Bands – und noch nie zuvor war es so schwierig, sich einen Platz im Business zu erobern. Bekanntlich führen ja viele Wege nach Rom, und so gibt es sicherlich auch viele Wege, die zum musikalischen Erfolg führen. Musiktipps24 stellt an dieser Stelle in lockerer Folge interessante Bands vor und lässt diese auch selbst zu Wort kommen. Wir haben auch gleich noch eine Bitte an Euch, liebe Leser und Musikfreunde: Wenn Ihr eine tolle Band kennt, von der Ihr gerne mal was bei uns lesen würdet, dann schreibt uns doch einfach! Ob bekannt oder nicht, spielt keine Rolle – Hauptsache, Euch gefällt die Musik!

Diese Woche:

Die Analogue Birds

Tom Fronza von den „Analogue Birds“ spielt ein ungewöhnliches Instrument: Das Didgeridoo. Und er beweist, dass man dieses durchaus auch in moderne Stücke einbinden kann. Stücke wie „Kraut Attack“ oder „Bear on Speed“ überwinden musikalische Grenzen; momentan rockt sich Tom mit Thomas Godoj und dessen Band durch Deutschlands Hallen. Was Musik für ihn bedeutet und wie er die Zukunft der „Analogue Birds“ sieht, hat er „Musiktipps24“ erzählt.
Tom Fronza

Kurzinfo:

Name: Analogue Birds

Herkunft: Nordrhein-Westfalen

gegründet: 2003 von Tom Fronza

Mitglieder: Tom Fronza (Didgeridoo, Keys), Sven Kosakowski – Drums, Sequencer

Homepage: www.myspace.com/analoguebirds

Release: „handnmouthmadedrumnbassdubbreaktrance“ (2006)

Label: Umlaut Recordings

Stil: Experimentelle Musik / Drum & Bass / Elektroakustik

Wie kamt Ihr auf den Namen „Analogue Birds“?

Auf den Namen bin ich beim Hören eines Stückes der Sängerin Erica Badu gekommen. Darin singt sie etwas von „Analogue Birds in a Digital World“. Ich fand das damit verbundene Bild schön.. Die häufigste Assoziation von Außenstehenden ist allerdings die von komischen Vögeln und einer analogen, also nicht digitalen, Form des Musizierens. Meine liebste Interpretation ist aus der Biologie: Im Englischen sind mit „Analogue Birds“ Vögel gemeint, die vom Aussterben bedroht, aber als ähnliche Spezies in einem anderen Teil der Welt noch zahlreich vorhanden sind. Mich hat die Wiederkehr des Fischreihers Mitte/Ende der 90er-Jahre in Nordrhein-Westfalen schwer beeindruckt. Überall an der Wupper standen diese riesigen, schräg aussehenden Vögel, die in der Luft ein majestätisches Flugbild haben. Der Fischreiher ist übrigens fester Bestandteil des Logos der Analogue Birds. Als Straßenmusiker und als Musiker, der nicht nur die kommerziellen Aspekte im Visier hat, fühlt man sich oft wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Trotzdem gibt es auf der ganzen Welt Künstler, die einem immer wieder Mut geben, weil sie schon lange einen ähnlichen Weg unbeirrt weitergehen!

Tom, wie bist Du auf die Idee gekommen, ausgerechnet das Didgeridoospielen zu lernen?

Ich bin zu dem Instrument gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Von Haus aus bin ich Bassist. Irgendwann habe ich mal in so ein Rohr geblasen und es kam sofort ein Ton raus. Ich war etwa zwei Jahre in einer Art Zen-Kloster hier in Deutschland. Der Meditationsmeister und Mönch dort hat mir empfohlen, mit dem Instrument Straßenmusik zu machen. Ich hab das dann vor 12 Jahren tatsächlich gemacht. Das war der Anfang meiner Karriere als Berufsmusiker mit dem Hauptinstrument Didgeridoo. Ich habe mir viel selber beigebracht, aber mich auch von anderen Spielern inspirieren lassen. Australien hatte mit der Entscheidung denkbar wenig zu tun. Ich habe zwar den größten Respekt vor den Aboriginals und einige Zeit in Australien gelebt, das Rohr aber musikalisch immer stark vom ethnischen Kontext getrennt betrachtet.

Woher kommen Deine Didges; welche Unterschiede gibt es in der Machart?

An sich kann man auf jedem Rohr Didgeridoo spielen. Meine Didges kommen aus der Werkstatt von Eddy Halat und seiner Frau Eva, die für das Design zuständig ist. Die beiden haben riesige Erfahrung mit dem Didgeridoobau in Konzertqualität. Sie hegen auch enge Kontakte zu dem Stamm von Aboriginals in Australien, der über das umfangreichste Wissen aller Aspekte des Didgeridoos verfügt. Ich spiele aber auch ein „Dijeribone“, eine Art Posaunen-Didgeridoo-Kreuzung aus Kunststoff. Didges unterscheiden sich hauptsächlich in ihrer Anspielbarkeit und Klangfarbe. Über den Daumen gepeilt kann man sagen, ein Instrument mit größerem Innenvolumen klingt tiefer als eines mit weniger. Auch die Form ist wichtig. Zylindrische Didges haben oft weniger Gegendruck, spielen sich etwas unsportlicher und lassen mehr Stimmgebrauch zu. Konische Didges haben mehr Gegendruck und lassen sich oft schneller spielen. Und der Durchmesser und das Material des Mundstücks spielt eine große Rolle.

Ist das Spielen eigentlich anstrengend? Es sieht aus, als würde man eine gute Atemtechnik dafür brauchen…

Auf Dauer ist wohl das Spielen eines jeden Instrumentes anstrengend. Beim Didger ist der ganze Körper in Bewegung, obwohl man augenscheinlich nur den Mund braucht. Nach zwei Stunden Spiel stellt sich natürlich schon Ermüdung ein und auf der Bühne komme ich auch oft ins Schwitzen. Aber das sieht bei einem Gitarristen auch nicht anders aus 😉 Alles was für die Atmung und Tonerzeugung im menschlichen Körper wichtig ist, kommt beim Didgeridoospiel zum Einsatz. Das Ganze ist recht feinmotorisch, und durch gezieltes Üben können all die genannten Körperbereiche unabhängig koordiniert werden, was zu einer ungeahnten Klangvielfalt im Spiel führt. Es handelt sich hier um Permanentatmung. Man erzeugt einen scheinbar niemals abreißenden Grundton durch die Schwingung der Lippen. Den Luftstrom, den man dazu benötigt, erzeugt man durch gleichzeitiges Einatmen und Auslassen der Luft. Es ist definitiv leichter als es sich anhört, aber dennoch Gegenstand von oft vielen Unterrichtsstunden oder Übungsversuchen.

Analogue Birds Live
Analogue Birds Live

Wie vermarktet Ihr Euch? Könnt Ihr von der Musik leben ?

Wir machen (noch) alles in Eigenregie: Booking, Vertrieb, Management, Label und oft auch die Produktion. Wir leben ausschließlich von unserer Musik.
Wie stellt Ihr Euch die Zukunft der „Analogue Birds“ vor?

Wir bemühen uns gerade darum, ein neues Demo mit zwei Gastmusikern aufzunehmen und das dann mit etwas finanzieller Unterstützung in einer hochwertigen Produktion als CD umsetzen, um damit hoffentlich bei Bookern und Vertrieben Interesse zu wecken. Vielleicht würde unsere Livetätigkeit und der Vertrieb unserer Musik etwas einträglicher und leichter, wenn wir von der Industrie etwas Rückendeckung bekämen. Ansonsten arbeiten wir weiter an unserer Musik und unseren individuellen Fähigkeiten.

Was bedeutet „Musik“ für Dich?

Musik hat im meinem Leben schon immer eine Spitzenposition eingenommen. Durch den Spagat des Berufsmusikers, der sein geliebtes Hobby zum Beruf geadelt hat, räumt man der Musik eben eine Sonderstellung ein. Die Musik muss in erster Linie authentisch, also echt sein. Technische und kompositorische Fähigkeiten sind dabei sekundär. Eine gefühlvoll gespielte, improvisierte Linie auf einer Kalimba kann genau die gleiche Wirkung auf mich haben wie eine gut gespielte Fuge von Bach.

Du bist grade mit Thomas Godoj und seiner Band auf Tour. Dein Part am Didge kommt sehr gut an. Wird aus der temporären vielleicht auch eine feste Zusammenarbeit? Und welche Auswirkungen hat das auf Deine Arbeit mit den „Analogue Birds“?

Meine Teilnahme am nächsten Album ist recht sicher. Allerdings wird sich zeigen, welche Rolle ich genau darauf einnehme. Live bleibe ich weiterhin Bestandteil der Band. Quasi als fester Gastmusiker. Ich glaube, das Publikum hat das Experiment mit dem Didgeridoo in Thomas‘ Band begrüßt und recht euphorisch reagiert. Es würde ja keinen Sinn machen, diesen Erfolg einfach zu unterbrechen. Jetzt wird es halt schwieriger, Termine zu koordinieren und Zeit zu finden, an den neuen Sachen der Birds zu arbeiten. Sonst ändert sich nichts.

Analogue Birds Live
Analogue Birds Live

Macht Dir die Arbeit mit einer Rockband besonders Spaß, oder siehst Du Deinen Schwerpunkt woanders?

Meine Wurzeln liegen im Rock. Ich fühle mich dort genauso zu Hause wie im Drum ’n‘ Bass oder Jazz. Spaß macht es mir immer dann, wenn die Musik gut ist und die Mitmusiker was auf dem Kasten haben. Egal ob Rock, Punk oder sonst was.

Eure Lieder haben witzige Namen wie „Bear on Speed“ oder „Kraut Attack“…

Hehe, „Bear on Speed“ ist eine Hommage an Bruno den Problembären. Der erste Braunbär, der nach über 100 Jahren deutschen Boden betrat, wurde einfach erschossen. Der Bär ist zwar ein gefährliches Tier, aber es haftet ihm die Unschuld der Natur an. So ein tolles Lebewesen einfach zu erschießen, spiegelt unsere Unfähigkeit wider, mit der Natur entsprechend umzugehen. „Kraut Attack“ ist ziemlich witzig. Das Stück basiert auf einem „4 on the floor“ Techno Beat. Die Deutschen werden im Englischen scherzhaft „Krauts“ genannt. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen habe ich gerade eine Sauerkrautkur gemacht; die Flatulenzen, die diese Kur hervorrief, hätte man auch an Stelle des Didges in den Song einbauen können. 😀

Eure Platte „handnmouthmadedrumnbassdubbreaktrance“ erschien 2006. Habt Ihr was Neues geplant?

Ja, aber es ist noch nicht sicher wie wir es umsetzen und wann wir es veröffentlichen.

Mal angenommen, die Macher der Plattenindustrie würden Euch ein offenes Ohr leihen: Welchen Wunsch hättet Ihr an die deutsche Musikbranche?

Den träumerischen und unrealistischen Wunsch, dass die Industrie mehr Geld in kleinere Projekte und weniger in große steckt, fair gegenüber den Musikern ist, mit denen sie arbeitet und Musik weniger als Geschäft und mehr als Kunstform sieht. Auch wenn Geld und Kunst trotzdem untrennbar verbunden bleiben.

Wer sich davon überzeugen will, wie gut ein Didgeridoo sich in der Rockmusik macht, kann sich unter

ein Bild machen.

8 Kommentar

  1. Das ist doch mal ein sehr interessantes Interview und das Video zeigt, wie gut ein solch exotisches Instrument auch bei Rockmusik klingen kann. Unplugged sind Thomas Godoj und seine Band für mich übrigens überraschend gut. Tom Fronza passt super dazu!

  2. Juhu, ein neues Album im Herbst mit diesen fantastischen Musikern und ihrem genialen Frontmann Thomas Godoj und Tom Fronza bleibt dabei, was will frau mehr!

  3. Ja; Tom Fronza live auf der Bühne – einfach ein Erlebnis. Thomas Godoj & Band haben live einfach total überzeugt und Tom Fronza passt einfach dazu!
    Gefreut hat mich auch sehr das Battle von Tom Fronza mit Tortsen Bugiel – Dig & Drums – wie toll ist das denn – wenn die wahnsinns Stimme von Thomas Godoj sich mit diesen Musikern vereint – dann ist es perfekt! In dieser 7 köpfigen Besetzung sollte Thomas Godoj weiter machen.

  4. Bei dieser Band passt alles zusammen: Thomas Godoj mit seiner unverwechselbaren Stimme – Musiker, die ihr Handwerk verstehen und mit Gespür, für das was gefällt, ein gute Show abliefern – die Freude am gemeinsamen Spiel und am Publikum haben -ohne Zweifel, gute Musik präsentieren – einfallsreich und experiementierfreudig die eigenen Lieder immer wieder neu arrangieren – da macht auch der Einsatz des Digeridoo Sinn. Eigenwillig und dennoch harmonisch fügt es sich mit ein und verleiht jedem Lied eine besondere Note. Eine gute Entscheidung auch weiterhin in gleicher Besetzung zu arbeiten.

  5. Ich kann meinen Vorrednerinnen nur zustimmen!!
    sophie:
    Thomas Godoj & Band haben live einfach total überzeugt und Tom Fronza passt einfach dazu!
    Gefreut hat mich auch sehr das Battle von Tom Fronza mit Tortsen Bugiel – Dig & Drums – wie toll ist das denn – wenn die wahnsinns Stimme von Thomas Godoj sich mit diesen Musikern vereint – dann ist es perfekt! In dieser 7 köpfigen Besetzung sollte Thomas Godoj weiter machen.
    und petrah:
    Bei dieser Band passt alles zusammen: Thomas Godoj mit seiner unverwechselbaren Stimme, …..
    da macht auch der Einsatz des Digeridoo Sinn. Eigenwillig und dennoch harmonisch fügt es sich mit ein und verleiht jedem Lied eine besondere Note. Eine gute Entscheidung auch weiterhin in gleicher Besetzung zu arbeiten.

    Besser hätt ich´s auch nicht sagen können!! Gönnt euch dieses Highlight!!-Schaut´s euch an bei einem Konzert von Thomas Godoj & Band!!

  6. ..nun, als didge interessierter mensch habe ich das glück tom auch persönlich zu kennen. so, habe ich immer mal wieder die möglichkeit seine sehr bewußte und respektvolle art zu erleben, die auch in diesem artikel gut rüberkommt:o)).
    ein gutes interview, welches hoffentlich auch wieder einen kleinen teil dazu beitragen wird, das didge positiv und respektvoll zu verbreiten und bekannt zu machen

  7. Sehr schönes, informatives Interview!! Leider sieht man mal wieder wie schnell sich die Zeiten ändern, da es ja nun weder eine Mitwirkung von Tom Fronza am Album von Thomas Godoj geben wird noch auf der Tour!!!So schnell kann es gehen…there’s no BUSINESS like ShowBUSINESS!!!
    Ich wünsche jedenfalls Tom und den „Birds“ viel Erfolg und das es bald mit der CD klappt!!!

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