„I don’t like mondays“ wird 30 – und der Inhalt des Songs ist so aktuell wie nie

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Jubiläum für die Boomtown Rats: Dieses Jahr wird ihr größter Hit, „I don’t like mondays“, 30 Jahre alt. Der Song stieg auf Platz 6 der Single Charts in Deutschland, in England war er auf Platz 1. Es ist ein Lied, das den Amoklauf einer 16-Jährigen in den USA beschreibt. Bob Geldof, Sänger der Boomtown Rats, wurde durch ein reales Ereignis im Januar 1979 in Kalifornien inspiriert. Brenda Ann Spencer erschoss zwei Menschen und verletzte neun weitere. Ihre Erklärung für die Tat: „I don’t like mondays“. Noch heute hat der Song Kultstatus, und die Problematik ist brisant wie nie. Auch ich habe Kinder; da treibt einen schon oft die Frage um, wie es zu solchen Gewalttaten kommen kann. Neben dem Video der Boomtown Rats, denen wir hiermit zum 30-Jährigen gratulieren möchten, gibt es an dieser Stelle auch ein paar nachdenkliche Zeilen mitgeliefert.

Zwei Taten erschüttern uns in diesen Tagen ganz gewaltig: Zum einen der sinnlose Angriff zweier Jugendlicher in einer Münchner S-Bahn, durch den ein couragierter Bürger starb. Zum anderen der ebenso sinnlose Amoklauf eines Jugendlichen im bayerischen Ansbach, bei dem mehrere Menschen schwer verletzt wurden. Zwei Taten, zwei Hintergründe. Im ersten Fall handelt es sich um junge Menschen, die aus zerrütteten Elternhäusern kommen und bereits eine lange Karriere als Gesetzesbrecher hinter sich haben. „Warum wurden die nicht schon vorher aus dem Verkehr gezogen?“, mag sich mancher fragen. Im zweiten Fall hat ein Gymnasiast der Abschlussklasse versucht, Schüler und Lehrer an seiner Schule zu töten. Gutes Elternhaus, gute Schulbildung, introvertiert und offenbar ein Außenseiter.

Zwei Taten, zwei Hintergründe… Woran krankt unsere Gesellschaft? Der Ruf nach strengeren Strafen wird laut. Am besten lebenslang in den Knast, oder – ja, auch diese Rufe gibt es – am besten für solche Kapitalverbrechen die Todesstrafe einführen. Recht und Rache – Auge um Auge, Zahn um Zahn. Doch die Todesstrafe verbietet sich für ein Land, in dem die Menschenrechte einen Wert haben, von selbst. Sowieso in Deutschland – unserer Vergangenheit geschuldet, die so viele Unschuldige das Leben gekostet hat. Aber würden strengere Strafen überhaupt helfen, auch nur eine solche Gewalttat zu verhindern? Wohl nicht. Es ist die Frage nach dem Sinn solch sinnloser Taten, die uns aufwühlt. Einen Sinn wird man nicht finden, so lange man ihn auch sucht. Es gibt keinen.

Also lasst uns die Gründe suchen. Denn Gründe muss es wohl geben. Wäre nur vom U-Bahn-Angriff die Rede, wäre dieser schnell gefunden: Zerrüttete Familien, kein Halt von Seiten des Umfelds, keine Zukunftsperspektive. Und was ist mit der anderen Seite, dem Gymnasiasten? War es der Druck, Leistung zu erbringen, der zu einer solchen Verzweiflungstat führte? Oder das Gefühl, von seinem Umfeld nicht anerkannt zu werden?

In unserer schönen, bunten und modernen Medienwelt ertönt ein kollektiver Aufschrei, wenn wieder ein Fall bekannt wird. Doch schon morgen verdrängen andere Neuigkeiten das Geschehen – bis zum nächsten Mal. Eine auf Voyeurismus ausgelegte Berichterstattung mit möglichst vielen Details bietet mit den Nährboden. Berühmt und berüchtigt für einen Tag, eine Woche… wer dies nicht durch Leistung erreicht, schafft es eben durch Schockmomente. Unsere Sensationsgier macht es möglich. Und wir schreien nach dem Staat, der doch die Aufgabe hätte, uns und unsere Kinder zu schützen. Nach Polizei, Jugendamt und Lehrern, die doch alle merken müssten, was da vor sich geht. Und wir selbst? Was ist mit uns? Was tun wir?

Ereignisse wie diese beiden – so unterschiedlich und doch in gleicher Weise furchtbar – sind stets ein Spiegel der Gesellschaft. Eine Gesellschaft von Wegsehern, Weitergehern, Sich-selbst-zu-wichtig-Nehmern. Eine Welt, in der der Breitbild-Fernseher mit Dolby-Surround wichtiger scheint als ein „unwichtiges“ Gespräch über den vergangenen Schultag, die Probleme mit den Kindern in der Nachbarschaft oder den Neid auf den Wohlstand der Familie von Gegenüber. Wer Amokläufe und überbordende Gewalt vermeiden möchte, muss selber aktiv werden. Wer bei der Steuererklärung trickst und damit vor seinem Nachwuchs angibt, wer selber seinen Kindern rät, die Ellenbogen zu gebrauchen, um sich im Leben den vordersten Platz zu erkämpfen, trägt auf diese Weise zum Gesellschaftsklima bei. Ein Kind, das wegen seines Aussehens oder Verhaltens gemobbt wird, kann aggressiv werden. Wenn dann kein Ventil da ist wie Freunde, Sport oder irgend eine andere Art der Bestätigung, kann es zu Problemen kommen. Wenn Kinder in einem von Gewalt und Gleichgültigkeit dominierten Umfeld aufwachsen ohne Moral (ein Begriff, der schwer strapaziert wird, im Grunde aber eine Kernaussage hat: „Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem andern zu“) ist die Gefahr groß, dass sie selbst sich negativ in diese Richtung entwickeln.

Wann habt Ihr zum letzten Mal Zivilcourage gezeigt? Euch getraut, zu Euren Freunden zu sagen: „Nein, das finde ich nicht gut, was Ihr da macht?“ Oder ein paar freundliche Worte an den Außenseiter in der Klasse oder in der Nachbarschaft gerichtet? Es sind zunächst die vielen kleinen Dinge und Zeichen, die unsere Welt verbessern können. Etwas, das wir selbst in der Hand haben.

Hier noch ein Buch, das ich Euch empfehle zur Problematik „Amoklauf“: Morton Rhue: Ich knall euch ab! Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 2002, ISBN 3473581720/ ISBN 3473542679

Video: Die Boomtown Rats bei ihrem wohl größten Auftritt: Dem Live-Aid-Festival im ausverkauften Wembley-Stadion in London – eine weltweite Aktion zugunsten der Hungernden in der Dritten Welt, ins Leben gerufen von Leadsänger Bob Geldof.


2 Kommentar

  1. Danke für diesen couragierten Artikel, cat .

    Und wie Recht du hat: wann haben wir zum letzten Mal Zivilcourage gezeigt? Und wann habe ich zum letzten Mal diesen song „wirklich“ angehört ohne mich davon nur berieseln zu lassen ? Wahrscheinlich noch nie . Werde jetzt das Video starten und ZUhören.

  2. Herzlich Glückwunsch Boom Townrats zu eurem größten Hit der natürlich die größte menschliche Tragödie als ewiges Mahnmal erinnert. Der Mord an ehtliche Schüler, Lehrer und unbeteiligten Personen.

    Und obowohl es so absurd für den Mord war „Sie morderte weil sie keine Montage möchte“ ist das Lied ein absolutes Gänselautlied in dem Bob Geldolf seine eigene Gefühlswelt ausdrückt und verkörpert.

    Vielen Dank für ihren Mut und ihre Courange!

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