DSDS 2012: Die erste Live-Show oder: Willkommen in der Glitzer-Wunderwelt

Manchmal ist weniger einfach mehr. Oder viel ist zu viel. Beides trifft auf die Staffel 2012 bei Deutschland sucht den Superstar zu, wie die 1. Liveshow zeigt.

Scroll this

Manchmal ist weniger einfach mehr. Oder viel ist zu viel. Beides trifft auf die Staffel 2012 bei Deutschland sucht den Superstar zu, wie die 1. Liveshow zeigt. Da gibt es Glitzer und Lichtfontänen, eine riesige Bühne und 15 – halt, nein, sogar 16 Kandidaten, die alle die Krone des „Superstars 2012“ erjagen wollen. Doch mit dem ganzen Glitzer und der Wunderwelt des Bühnenzaubers ist es wie mit Popcorn und Schokolade: Zu viel davon tut einfach nicht gut.

Okay, ich geb’s zu: Ich hätte die sicherlich von vielen sehnsüchtig erwartete erste Live-Show von Deutschland sucht den Superstar 2012 fast verpasst. How shocking! Noch vor wenigen Jahren wäre mir das nicht passiert, denn selbst wenn Dieter Bohlen sowas wie eine Wegsperre für mich war (und ist), so sehr hat es mich doch fasziniert, junge und talentierte Menschen auf der Bühne singen zu sehen. Und jetzt? Tja, der Lack ist ab bei der Mutter der Castingshows.

Die Gründe sind einfach: Jedes Jahr dreht sich das Karussell der Jury-Besetzung neu und immer schneller. Die Trabanten, die sich um Himmelsgestirn Dieter Bohlen drehen dürfen, werden regelmäßig durch neue ersetzt, um die zentrale Position des von RTL zum „Pop-Titanen“ ernannten Vaters des schlechten (Musik-) Geschmacks nicht zu gefährden. Wer nach jahrelangem Martyrium durch „Modern Talking“ noch nicht weiß, wie Bohlen qualitativ einzuordnen ist, dem kann wohl kein Lauschangriff der Welt mehr helfen. Dazu kommt fehlende Nachhaltigkeit. Die Sieger der Show sind den einen Tag top, den anderen flop. Wenig Airplay, wenig Profilierung, da die Plattform nur auf Covern, nicht aber auf musikalische Kreativität ausgelegt ist… Wer von den früheren Gewinnern jetzt noch im Geschäft ist, hat dies nur seinem eigenen Durchsetzungsvermögen zu verdanken; ein „Superstar“ ist jedoch aus keinem der Sieger geworden.

Zudem bieten Konkurrenzformate mittlerweile bessere Möglichkeiten, bekannt zu werden, und das weitgehend ohne Seelenstriptease. Allerdings sind „Castinghopper“, die von Format zu Format hüpfen und sich anpreisen, mittlerweile üblich im Geschäft. DSDS mag immer noch die bekannteste dieser Sendungen sein – sie hat aber auch den zweifelhaftesten Ruf.

Da bietet der recht verpeilte Joey, der den Stempel „liebenswerter Chaot“ abbekommen hat, eine willkommene Geschichte für den Einspieler: Er wurde von seinem Vater als Kind schwerst misshandelt, schildert seine Leiden ungeschminkt und schonungslos. Eine schreckliche Geschichte – wer würde ihm einen Triumph nicht gönnen? Kleine stimmliche Schwächen werden dezent mit einem Bühnenfeuerwerk übertüncht, das einst einem Finale angemessen gewesen wäre. Feuerfontänen schießen im Takt mit Zuschaueranrufen in die Höhe, während Hintergrund-Kreischalarm anzeigt, dass die Story Wirkung zeigt. Bruce Darnell heult – wen wundert’s? – und Joey konstatiert: „Ich bin einfach nur ich – das reicht!“

Den größten Teil des Abends hat man das Gefühl, in einer Mini-Playback-Show für Kinder gelandet zu sein, denn die Bühnenwelt von RTL ist zuckersüß und knallbunt. Da turnt ein Christian Schöne zu Queen-Rhythmen übers Parkett und sieht aus wie eine androgyne Mischung aus Marilyn Monroe und Thomas Gottschalk, muss sich ein Marcello mit einem schlecht gewählten Bryan-Adams-Song und einem Outfit im 90er-Jahre-Style herumschlagen; „Schlagerfuzzi“ Kristof gibt gefühlvoll den Maffay und hätte auch in die ZDF-Hitparade der 70er gepasst, mal abgesehen von den quietscherosa Neontretern am Fuß. Onkel Dieter findet wie immer alles „mega-mega-geil“ und verzieht nur selten schmerzvoll das Gesicht, wenn zum Beispiel die hübsche blonde Jana ihre Vorstellung versemmelt.

Die Mädchen in dieser Staffel fallen irgendwie nicht auf. Zwar gibt es sie – in Blond, in Braun, in Schwarz, immer schick gekleidet im Gegensatz zur Top15-Show 2011 -, aber eigentlich ist keine Stimme dabei, die richtig aufhorchen lässt, die ein Alleinstellungsmerkmal hätte. Der Aha-Effekt fehlt, auch wenn Angel niedlich und Silvia sexy ist. Vanessa wird der stärkste weibliche Auftritt des Abends zu Recht bescheinigt, aber trotzdem will sich kein „Wow“-Erlebnis einstellen. Tja… Wunderkinder wachsen eben nicht auf Bäumen.

Bei den Jungs könnte die Sache interessanter sein, aber was bringt’s, wenn der sympathische Jesse Mario perfekt covern kann – viel interessanter wäre es doch, zu hören, wie seine eigenen Songs auf der DSDS-Bühne erklingen… Die allgemeine Beliebigkeit wird durch das Fehlen einer soliden Live-Band noch verstärkt. Weniger Show, mehr Musik; hach, das wäre halt schön! Ein paar Lichtblicke indes gibt es: Hamed Anousheh hat eine tolle Stimme und tanzt sich die Seele aus dem Leib. Von dem Typen würde ich gerne eine Rocknummer hören, um zu sehen, ob er das genauso drauf hat wie den Blick aus großen dunklen Augen. Und dann ist da noch der kleine Schweizer Luca Hänni, der mit seiner zuckersüßen Ausstrahlung sicherlich für die Zahnspangenfraktion zum Objekt der Begierde wird. Für alle anderen ist er ganz einfach ein hübscher Lichtblick, um für ein paar Minuten die Widrigkeiten des Alltags vergessen zu machen.

Das alte Schlachtschiff DSDS – es erinnert an eine in die Jahre gekommene Diva, die versucht, sich mittels Schminke und Schönheits-OP die Aura zu erhalten. Solange die Scheinwerfer an sind, mag die Illusion funktionieren. Wenn jedoch das Licht erlischt, werden die Zeichnungen der Zeit sichtbar. Da helfen auch die „mega-mega-mega-geil“-Ausrufe von Onkel Bohlen nicht.

Wer weiter ist und wer nicht, findet Ihr hier:

dsds-2012-diese-kandidaten-sind-in-der-top-10/

 

2 Kommentar

  1. Genau so ist es… leider reisst mich die Show nicht mehr vom Hocker. Das Format ist ausgelutscht!

Kommentar verfassen