DSDS 2011: Wer solche Fans hat, braucht keine Feinde mehr – Mehr Flops als Tops beim ersten Casting

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Hach, was waren die X-Factor-Castings doch gemütlich! Nette Juroren, anständige Kandidaten, kein Sarkasmus, allenfalls gesunde Ironie… Vergesst es, Leute: DSDS ist wieder da, mit dem Urgestein des deutschen Casting-Vaters im Gepäck. Die Rede ist natürlich von „Onkel“ Dieter Bohlen, der allerdings trotz allem beißenden Spott von Jahr zu Jahr ein klein wenig handzahmer auf der Mattscheibe erscheint. Und man mag über dieses Format denken, was man mag: Unterhaltsam ist es auf alle Fälle, wenn untalentierte Kandidaten zu Bohlens süffisanten Kommentaren die Wassergläser wackeln lassen.

Also auf zum ersten Casting des Jahres 2011. 35.000 Sangeslustige haben sich nach RTL-Angaben dieses Mal beworben, um den langen Weg zur Superstar-Krone zu gehen. Das hat was von einem umgekehrten Pilgerweg: Während man hier auf der langen, zu Fuß gegangenen Strecke mit jedem Tag ein Stück seiner Sorgen und Ängste hinter sich lässt und sich im Lauf der Zeit freier und gelassener fühlt, verhält es sich in der RTL-Fernsehshow genau anders herum. Naja, zumindest kriegt man im Normalfall keine Blasen an den Füßen (obwohl das den Mädels spätestens zu den Mottoshows in ihren High Heels schon passieren kann), doch was neben den Gesangskünsten zwangsweise bei DSDS von Show zu Show an die Öffentlichkeit gerät, ist meist sehr privat und hat viel mit dem Waschen der berüchtigten schmutzigen Wäsche zu tun, deren dreckige Seifenlauge durch die Mattscheiben in die Wohnzimmer der Zuschauer schwappt. Was da auf den 08/15-DSDS-Bewerber so zukommt, ist schon in den Castings deutlich sichtbar – jedoch erhöht sich der Druck auf die Teilnehmer natürlich von Show zu Show.

Was ist neu 2011? Dieter Bohlen outet sich als Haustier-Halter. Einen „Fick-Frosch“ (wir werden das Kerlchen im folgenden Text mit den bekannten drei *** schreiben) hat er im heimischen Teich sitzen, und der kleine grüne Kerl kann so gar nicht singen – ein hartes Los, das er mit so manchem Teilnehmer an der Show teilt. Aber als eingeblendete Comic-Figur, die ihre Späße mit den Unzulänglichkeiten der Kandidaten teilt, gibt er einen hervorragenden Lach-Faktor fürs Publikum ab. Ansonsten hat sich am Konzept nicht viel geändert – ach ja, doch, der Dieter hat sich zwei neue Juroren zur Seite geholt. Die wechseln noch schneller als die Trainer beim FC Bayern; ob der Pop-Titan etwa Angst hat, dass ihm irgendwann einer den Rang ablaufen könnte, wenn er länger bleibt? Naja, ganz ehrlich: Seit der Staffel mit Anja Lukaseder und Bär Läskar war eigentlich kein Juror dabei, der mir so richtig im Gedächtnis geblieben wäre. Die dünne Blonde in der Mitte wurde ersetzt durch eine dünne Brünette in der Mitte – Fernanda Brandao von den „Hot Banditos“ gibt die liebe, verständnisvolle Zuhörerin, der man das Entsetzen höchstens an den schönen großen Augen ansieht und die stets darauf bedacht ist, keinen der „Nein“-Kandidaten unnötig zu verletzen. Das macht sie schon mal zum Sympathieträger. Der schweizer Sänger Patrick Nuo hat das Nettsein nicht nötig. Kantiges Gesicht, exakt zurecht getrimmter Drei-Tage-Bart, durchgestylter Body – wenn’s mit dem Singen nicht mehr klappen sollte, kann Herr Nuo ohne Weiteres eine Zweitkarriere als Model starten. In der ersten Folge gab es keine Revierkämpfe mit Leitwolf Bohlen; das Profil fehlt noch, aber die weiteren Castings werden zeigen, ob Nuo nur als Staffage dient oder auch Widerworte geben kann.

Über manche Kandidaten braucht man eigentlich kein Wort verlieren. Der Zahnspangen tragende Britney-Spears-Verschnitt oder das frühpubertierende Justin-Bieber-Look-alike-Bübchen sind über jeden Verdacht des Talentbesitzens erhaben. Ein „Checker“ ist auch wieder dabei, dieses Mal aus Berlin. Der junge Mann trägt den stolzen Namen Ralph Joachim Rainer Edler von Görbitz und tanzt am Baum wie manches barbusige Mädel an der Stange. Abgesehen von seiner gnadenlosen Selbstüberschätzung und der von Freddy, dem F***-Frosch gnädigerweise zensierten geöffneten Hosenfalle eigentlich ein sympathisches Kerlchen, das offen zu seinen Senk-, Knick- und Spreizfüßen steht. Sein Auftritt erinnert an eine schlechte Karaoke-Bar, wenn der Edle den CD-Player anschmeißt und sich, getragen von den klassischen Tönen des Orchesters vom Band, mit „Time to say Goodbye“ von Andrea Boccelli zum Narren macht. Da hilft es auch nichts, dass sich das Dieterle im Falle einer Adoption schon als „Freiherr Dieter Edler von Bohlen“ wähnt und RTL die Hochzeitsglocken für den Kandidaten mit der rassigen Fernanda läuten sieht – Arrivederci heißt es für den Möchtegern-Sänger und seine Begleitung Maria, die er vor dem Studio aufgegabelt hat und die fast noch schlechter singt als er.

Zu lange unter Höhensonne ist die 28-jährige Shole gewesen – und leider hat sie vor ihrem Auftritt versehentlich Puder der Marke „Superglanz“ erwischt. „Du glänzt wie eine Speckschwarte“, kommentiert Bohlen uncharmant, aber ehrlich. Peinlich, dass die Gute gelernte Kosmetikerin und Visagistin ist. Sie glänzt im Gesicht – aber leider nicht mit Talent. Nach einer quälenden Interpretation des bekannten Lady-Gaga-Songs attestiert ihr Nuo: „Bei dem Gesang laufen ja die Paparazzi davon…“ Brandao gibt ein nettes „Nein“, Bohlen bescheinigt ihr weniger Gesangstalent als seiner Ex Verona und stellt als „Dr. Bohlen“ auch noch die Diagnose der „musikalischen Inkontinenz“. Selbsterkenntnis gehört allerdings nicht zu den Tugenden Sholes, die weiterhin fest an ihr Talent glaubt. Naja… Auch der Mr. Coolman mit Hut, der eine bizarre Mischung aus Breakdance und Schattenboxen bietet, aber halt leider fast keine Stimme hat, fliegt durch. Nix gewesen mit dem Traum von „geilen Weibern, geilen Autos und viel Geld“, den er sich erhofft hatte.

Der berührendste Auftritt des Abends kommt von einem, der nicht nach Star aussieht und eine wirklich tragische Lebensgeschichte im Gepäck hat: Stefan Simon pflegt hauptberuflich seine Mutter. Die hat Krebs, Bypässe und Pflegestufe drei, ist ans Sauerstoffgerät gebunden. Der Vater tot, keine Geschwister – Stefan hat große Hoffnungen, dass es mit der Karriere als Sänger etwas wird, und auch seine Mutter ist überzeugt: „Stefan ist der neue Superstar.“ Wie gerne würde man den etwas schüchternen, wahnsinnig sympathischen Jungen auf der Bühne nun singen hören wie einen jungen Gott. Wie gerne würde man die Kinnladen nach unten fallen sehen bei der Jury, ähnlich dem Szenario, das Paul Potts oder Susan Boyles entstehen ließen. Doch leider geht das Märchen nicht in Erfüllung. Es reicht nicht. Und auch, wenn Stefans Auftritt nicht so niedergemacht wird, wie es im Normalfall geschehen  wäre – sanfte Zurückhaltung und Menschlichkeit von Seiten des Senders und seiner Protagonisten sieht wahrlich anders aus… Ein schales Gefühl bleibt zurück, als wäre Stefans Geschichte ein Stück aus einer anderen Welt, fernab von Glitzer und Möchtegern-Sternchen. Einziger Trost: Stefan nimmt es sportlich. „Ich habe gelernt, mit Niederlagen umzugehen.“

Der Abschuss allerdings ist die 30-jährige Hendrikje. Sie ist Bohlens größter Fan – und wer solche Fans hat, braucht keine Feinde mehr. Begleitet von ihrem Ehemann (!!!) erscheint Hendrikje mit Maxi-Sombrero beim Casting und bekennt, dass sie am liebsten mit ihrem Helden durchbrennen möchte. Damit meint sie leider nicht den eigenen Mann, sondern den Altvater der Casting-Shows. Anziehend an diesem findet sie unter anderem, dass er (unbestätigten Quellen zufolge) angeblich „gut bestückt“ sei. Das Objekt der Begierde hat indes schon düstere Vorahnungen, was da auf ihn zukommt: „Welche Hexe kommt denn jetzt an“, fragt sich Bohlen. Während sich die 30-Jährige im Studio zum Narren macht, schüttelt der Ehemann draußen nur den Kopf – noch kann er lachen. Allerdings nicht lange, denn am Ende einer recht grusligen Darbietung von „Er gehört zu mir“ lässt Hendrikje die Hüllen fallen und präsentiert notdürftig mit roten Herzbommeln beklebte nackte Tatsachen. Das ist dem Gatten dann doch zu viel – ob er sich vom Friedensangebot seiner Frau besänftigen lässt, ihn am Abend mit ein bisschen „Kamasutra“ zu verwöhnen?

Auch wenn die Lichtblicke am ersten Casting-Abend eher selten sind – ein paar Talente gab es dann doch zu entdecken. Die natürliche, hübsche Anna-Carina Woitschack zum Beispiel, die mit ihrer Familie als Puppenspielerin durch die Lande zieht und sich Marionette Peterle als Talisman mitgebracht hat. Ohne Scheu bekennt sie, noch keine Disko von innen gesehen zu haben und sich ein Leben ohne das Wanderleben einer Schaustellerin nicht vorstellen zu können. In Onkel Bohlens Traumwelt findet sich ein Märchenprinz, der zusammen mit seinem Vater das Puppentheater besucht (!) und sich in die Puppenprinzession verliebt. Sehr unwahrscheinlich, Herr Bohlen, dass ein 19-Jähriger sich das freiwillig antut. Welch Glück: Bei der 17-Jährigen passen Stimme und Auftritt zum Rest – und sie ist mit einem dreifachen „Ja“ der Jury direkt weiter.

Ebenfalls direkt in die Herzen von Jury und Zuschauern dürfte sich der angehende Arzt mit dem engelsgleichen Namen, Marco Angelini, gesungen haben. Der 26-jährige Grazer erscheint in Lederhosen, was zunächst misstrauisch stimmt, und charmantem österreichischem Dialekt. Sympathisch und mit gewinnendem Lächeln dürfte er das weibliche Publikum auf seiner Seite wissen. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten an der Gitarre – von Dieter Bohlen kritisch beäugt – interpretiert er „These Streets“ von Paolo Nutini und überzeugt sogleich mit einer starken Stimme und Ausdrucksfähigkeit. Flugs schiebt er auf Wunsch von Bohlen noch ein selbst geschriebenes Stück Austro-Pop hinterher. Das Highlight des Abends. Ob das reicht, den Durchmarsch an die Spitze zu schaffen und die Nachfolge der bisherigen Superstars von Alexander Klaws, Elli Erl, Tobias Regner, Mark Medlock, Thomas Godoj, Daniel Schuhmacher und Mehrzad Marashi anzutreten, wird sich zeigen. Mal schaun, was noch kommt…

(c) RTL

9 Kommentar

  1. Wie immer mit spitzer Zunge und herrlichem Schmunzelfaktor total auf den Punkt gebracht!!!
    Ein Dankeschön der Schreiberin!! *DaumenHOCH*

  2. Herrlich geschrieben – besser als das Format je war oder sein wird. 😉 Aber genau das wundert ich daran sowieso: Die Allzeit hohen Einschaltquoten – traurig.

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