DSDS 2011: Der dritte Casting-Abend – Skigymnastik ist erotischer

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Auf die zähe Suche nach dem neuen Superstar begibt sich das Juroren-Team um Dieter Bohlen nun schon das dritte Mal in dieser Staffel. Dabei tauchen erneut Unwegsamkeiten und Stolpersteine auf wie schon im vergangenen zweiten Teil der Show, wenn es heißt: „Manege frei“ für alles, was meint, singen zu können. Ab und zu finden sich tatsächlich auch Kandidaten, die passabel singen können; jedoch wird deren Leistung gleich zunichte gemacht durch Menschen wie Cosimo Citiolo, der gefürchtete „Checker vom Neckar“. Eigentlich wollte ich mir das Weihnachts-Hüftgold von den Rippen schaffen, doch der Möchtegern-Macho, der genauso männlich wirkt wie eine Stubenfliege erotisch ist, hat mich doch glatt zum Wohnzimmerschrank rennen und die letzten Schokoladen-Vorräte vernaschen lassen – ich brauchte dringend ein paar Glücksmomente, die mir diese schrecklich deprimierende Sendung ein wenig versüßen mussten.

Neues Spiel – neues Glück – doch wird an diesem Samstag wohl ein Hoffnungsträger für den Titel des „Superstars“ gefunden? Der Anfang lässt schon Schlimmes ahnen: Andreas Gerlich, besser bekannt als „Mr. Wicked“, ist wieder da. Der 30-jährige versuchte sein Glück als „Alfi Hardcore“ in der Vorstaffel und kann (angeblich) auf eine große Fanbase zurückgreifen. Er ist da, um den Ruf als „schrägster Kandidat“ zu verteidigen. Auf den Anblick von Andreas‘ Sixpack hätte ich auf alle Fälle gut verzichten können. Dass die Show mit diesem Kandidaten eröffnet wird, zeigt einmal mehr, dass das Konzept der Sendung nicht wirklich die Suche nach einem Gesangstalent vorsieht (aber wer glaubt auch schon noch daran im Jahr 2011?). Nach einem Liebesgedicht an Fernanda muss die Jury eine DJ-Bobo-Cover-Version über sich ergehen lassen. „Bobo“, klärt Andreas auf, heißt auf Spanisch „Popo“. Fernanda übersetzt das allerdings mit „Volltrottel“. Trotzdem versucht sie, Alfie – Verzeihung, Andreas – den brasilianischen Hüftschwung beizubringen. Schließlich verdient man als Quotenfrau in der DSDS-Jury sein Geld nicht unbedingt nur mit schlauen Sprüchen, sondern darf auch mit körperlichen Reizen nicht geizen. Skigymnastik ist erotischer als Andreas‘ Affentanz. Diagnose von Dr. Bohlen: „Bewegungsneurotiker“. Ach ja, einen Auftritt hat der 30-Jährige dann auch noch. Und trotz munter eingeblendeter Special Effects ist der Unterhaltungswert weniger als gering. Die Jury kann allerdings noch lachen, weiß der Geier warum. „Selbst wenn Du 100 Jahre üben würdest, würdest Du das nicht hinkriegen“, stellt Bohlen klar. Großes Nein von Fernanda und Dieter, war ja klar. Patrick Nuo macht sich den Spaß, Andreas dann doch ein Ja zu geben. An dieser Stelle möchte ich die Frage aufwerfen, ob ein Musikjournalist eigentlich Gefahrenzulage für Auftritte wie diesen beantragen könnte. Das Infarktrisiko steigt da doch immens…

Darf man Fernanda glauben, besteht diese Gefahr bei der nächsten Kandidatin nicht, denn dieser ist sie schon auf der Toilette begegnet und fand sie „so süß“. Da staunen die Herren in der Jury. Strahlendes Lächeln, hübsche Figur: „Du bist die kleine Schwester von Beyoncé“, behauptet Bohlen. „Nee, ich bin die Zazou…“ Die 25-Jährige Halbschweizerin mit Mama aus New York kann zumindest schon mal tanzen. „Wenn Du so singst, wie Du tanzt – mein lieber Gott, Du…“, kündigt Bohlen an. Zazou gibt „Right to be wrong“ und zeigt zum Glück, dass sie nicht nur ihren Körper, sondern auch ihre Stimme im Griff hat. Für Bohlen ist Zazou eine kleine Whitney Houston „in edel“. Auch wenn er mit der gesanglichen Leistung noch nicht 100-prozentig zufrieden ist. Für 3 x Ja reicht es natürlich trotzdem locker.

Der nächste Kandidat hält sich gar für den Auserwählten. Celal Akin aus Aachen schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und möchte jetzt Musikkarriere machen – auch Schauspieler wäre er gerne. Sein Vorbild ist „Neo“ aus Matrix. Aha. Mal sehen, ob er auch singen kann. „Sweat“ von Inner Circle möchte Celal als erstes präsentieren – und schon seine Ankündigung lässt nichts Gutes ahnen. „I’m looking in your big brown eyes“ – der Satz wirkt denn auch wie eine Drohung auf Fernanda, die so viel zu bemängeln hat, dass sie gar keinen Anfang findet. Auch eine Alicia-Keyes-Nummer macht das Gesamtbild nicht besser – und tschüss: Celal ist auserwählt, auf Nimmerwiedersehen zu sagen…

Marvin Cybulski aus Hannover ist 29 und Rocker mit Familie – drei Kinder aus zwei Ehen. Zu einer seiner Töchter hat er momentan keinen Kontakt – das macht ihm zu schaffen. Eigentlich würde uns aber mehr interessieren, ob der Knabe singen kann. Erstes Indiz, dass dieser Kandidat in die nächste Runde kommt: Er hat eine Gitarre dabei! Marvin, Marke „gemütlicher Bär“, macht auf Marius Müller-Westerhagen und Chris Norman. „Mit 18“ hat schon mal ein geiles Intro, und Marvin röhrt gefühlvoll los. Auch, wenn sich das nicht schlecht anhört: Für Dieter Bohlen klingt das so, als würde Marvin seine Stimme verstellen. Das läuft bei „Midnight Lady“ schon wesentlich besser, und Fernanda Brandao ist gerührt. „Power, Gänsehautgefühl…“ attestiert Patrick Nuo, und auch die Rest-Jury ist begeistert. Natürlich gibt es 3 x Ja, wenngleich es mit Sicherheit eine Menge Straßensänger gibt, die das gleiche oder ein höheres Niveau haben dürften. In dieser Staffel sind die echten Talente offenbar Mangelware; die Sendung verkommt immer mehr zu einem Jahrmarkt der Eitelkeiten für Selbstdarsteller und Untalentierte (wobei ich Marvin hier definitiv nicht dazuzähle, denn der macht einen ehrlichen, offenen Eindruck und kann ja schließlich singen).

Die 18-jährige Friseurin Gentiana ist überzeugt, eine kraftvolle Stimme zu haben. Sie singt auf der Straße und zu Hause und singt angeblich auch im Schlaf. Wie geht das denn? Jedenfalls traut sich das Mädel gleich an die Aguilera-Nummer „Hurt“ ran – eine Hürde, an der schon viele gescheitert sind. Das klingt genuschelt und geleiert. „Du hast Gleichstromschwankungen“, diagnostiziert Bohlen. Auch mit einer Alicia-Keyes-Nummer (singen die heute alle das gleiche?) läuft es nicht besser. Bohlen schüttelt nur den Kopf. „Das klingt, als ob Du immer wieder einen Stromausfall hast!“ Aber Gentiana gibt nicht so schnell auf und will mit Kelly Clarkson noch eins obendrauf setzen. Wobei sie leider noch nicht mal den Titel richtig aussprechen kann. Die Stimme ist ja nicht mal sooo schlecht – aber es nützt ja alles nichts, wenn man den Text nicht versteht. Und die Jury eint wieder das Nein.

Zwischendurch gibt es wieder das beliebte Songquiz – Kandidaten ohne Stimme und Rhythmusgefühl verhunzen Klassiker bis zur Unkenntlichkeit. Fremdschämen zum Abwinken – mit den Kandidaten und dem Sender…

Katharina Demirkan ist süße 16 und hat einen türkischen Vater sowie eine fröhliche Mutti. Die Blondine ist hübsch, quirlig – wäre nett, wenn auch die Stimme dazu stimmen würde. Die Schülerin gibt vor der Jury zu, „etwas verrückt“ zu sein. Sie sieht sich in Zukunft auf einer großen Bühne mit vielen bunten Lichteffekten. Je länger sie redet, desto nerviger wird das Ganze. „Kannst Du auch was singen?“, will Nuo wissen. Katharina singt was von Beyoncé. Auf Bohlens Kritik weist ihn das kesse Mädel zurecht: „Hey, nicht unfreundlich werden!“ Naja, die Kleine quiekt ein wenig, aber Nuo bescheinigt ihr zumindest eine geile Stimmfarbe und gibt ihr ein „Ja“. Fernanda durchbricht den Teufelskreis der Einigkeit in der Jury und gibt ihr ein „Nein“. „Gerade dieses Unangepasste, Geistesgestörte gefällt mir an Dir!“ meint Bohlen. Doch wie reagiert Bohlen auf Katharinas Bettelei auf einen Recall-Platz. Dem alten Herrn der Castingshow gefällt es, wie ihm die Kleine um den Bart geht – er reicht ihr den Recall-Zettel.

Doch wie ergeht es Sven, dem Jungen mit dem Tambourin am Fuß? Marke Straßenmusiker, mit Hut – das sieht auf den ersten Blick ganz gut aus. „Du siehst cool aus, wie Du so sitzt“. Nuo wittert schon „halbe Orgasmen“, die diese Art der Selfmade-Musik produzieren kann. Leider nicht in diesem Fall. Das reicht nicht mal für die U-Bahn-Unterführung. Hätte er mal lieber ne Gitarre mitgebracht. 😉 Bohlen fordert Konzentration. „Das klingt wie Scheiße“, lautet sein Fazit. Hier wird der Juror (mal wieder) ausfällig. Patrick Nuo drückt es etwas netter aus, aber die Drei sind sich einig: Nein.

Fazit: Der große Hoffnungsschimmer bleibt auch im dritten Casting aus; Deutschlands echte Musiktalente scheinen ihr Können nicht mehr in einer Castingshow verheizen zu wollen, die keine langfristige Etablierung im Business garantiert, sondern sich im Gegenteil eher als Karrierehindernis herauskristallisiert hat. Ob da wirklich noch was kommt, was das Dranbleiben lohnt, bleibt abzuwarten.

3 Kommentar

  1. Hab ich´s doch richtig gemacht, diese nervend-niveaulose Sendung nicht zu gucken, sondern auf deinen Artikel zu warten, Cat! 😉
    Beim Konkurenzsender lief der Raab, da fühlte ich mich deutlich besser unterhalten!!

  2. Ich schließe mich Ella an: Schauen lohnt sich nicht, es reicht, Deine Artikel zu lesen. Danke, Cat! 🙂

  3. … und ich hab mir die Sendung angetan. Irgendwo muss die Quote ja herkommen 😉 Für mich hat es ebenfalls den Anschein, als ob die echten Gesangstalente einen Riesenbogen um dsds machen… bloss nicht mit dieser Show in Zusammenhang gebracht werden! Man kann’s spätestens nach der letzten Staffel verstehen.

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