Das Grauen hat viele Namen – DSDS, der nächste bitte…

DSDS - das weiß man - ist eigentlich kein Gesangswettbewerb, sondern eine Unterhaltungssendung, die Geschichten verkaufen will. Je dramatischer diese ist, desto besser die Chancen der Teilnehmer, weiterzukommen. Denn singen können viele, aber erst die Mischung aus Talent, Dramatik und Skurrilität macht den Erfolg in der Sendung aus.

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Same procedure as last year – wieder sucht RTL mit Paradepferd Dieter Bohlen einen „Superstar“. Und wie jedes Jahr kommen die (Möchtegern-) Sänger und Sängerinnen in Scharen, um den selbst ernannten „Pop-Titan“ und Konsorten zu überzeugen, dass sie den Titel als Nachfolger von Daniel Schuhmacher verdienen.

Die zweite Ausgabe der Castings am heutigen Samstag hat mal wieder gezeigt, dass Talent nicht auf den Bäumen wächst und nicht jede(r), der bzw. die denkt, das Zeug zum Star zu haben, auch singen kann. Zum Beispiel die 21-jährige Agnes: „Meine Stimme ist stark und einfühlsam“, macht sie den arglosen Zuschauer glauben und verrät ihren Wunsch, Karriere in Amerika zu machen. Überzeugen will sie die Jury mit einer Nummer von Alicia Keyes, doch das geht gründlich in die Hosen – wenn es nach Dieter Bohlen geht, sogar buchstäblich: „Deine Stimme erinnert an eine volle Windel, voll Scheiße.“ Uups… das böse „Sch…“-Wort ist gefallen. Wie im Vorfeld abgemacht, ist ein Euro für das Sparschwein fällig, das auf dem Jury-Tischchen steht.

Besser kommt der 17-jährige Eugen aus Berlin davon, dessen Spezialitäten Flic-Flacs und Gitarre spielen sind. Der Teenager, der eine große Ähnlichkeit mit dem 2009er-Kandidaten Dominik Büchele aufweist, spielt in seiner Freizeit in seiner eigenen Band „Euphoria“ und hat der Jury einen selbst geschriebenen Love-Song mitgebracht. An der englischen Aussprache dürfte der Gute noch etwas arbeiten, aber das hält die Jury natürlich nicht davon ab, dem sympathischen „Jungen von nebenan“ mit gelben Recall-Zetteln förmlich zu überhäufen.

Auch die süße Naomi erringt die Gunst von Dieter Bohlen, Nina Eichinger und Volker Neumüller: Die 16-Jährige hat ihr Akkordeon mitgebracht, strahlt über das ganze Gesicht und hat alle drei Juroren schnell um den Finger gewickelt.

DSDS – das weiß man – ist eigentlich kein Gesangswettbewerb, sondern eine Unterhaltungssendung, die Geschichten verkaufen will. Je dramatischer diese ist, desto besser die Chancen der Teilnehmer, weiterzukommen. Denn singen können viele, aber erst die Mischung aus Talent, Dramatik und Skurrilität macht den Erfolg in der Sendung aus. Da passt auch die 18-jährige Carmen aus München gut hinein.  In silbernen Leggings und auch ansonsten abenteuerlicher Farbkombination interpretiert sie ausgerechnet einen „Klassiker“ von Bohlens berüchtigter alter Band „Modern Talking“, nämlich „You’re my heart, you’re my soul“. Zum Glück verfügt die junge Blondine über mehr Talent als das Original und dazu über die schon erwähnte dramatische Geschichte: Carmen lebt in einem Heim, seit sie drei ist. Trotzdem strahlt sie eine sympathische Lebenslust aus – dreimal „Ja“ und große Freude… bleibt nur zu hoffen, dass sich Carmen vor der nächsten Runde einen besseren Stilberater sucht.

Dass Ruzdni, 28, den begehrten gelben Recall-Zettel bekommt, ist eigentlich schon von vornherein klar: Erschütternde Bilder aus dem zerbombten Kosovo, aus dem der junge Mann als Zwölfjähriger mit seiner Familie floh, betroffene Blicke aus rehbraunen Augen, ruhiges Wesen… Ruzdni ist ein Vorzeige-DSDSler, wie er im Buche steht. Und siehe da – singen kann er auch noch! Und das sogar recht gut. Ganz im Gegensatz zu Bernd, Kaninchenliebhaber und Möchtegern-Cowboy, der am liebsten John Wayne anschaut und in seiner Freizeit um Männergesangverein zugange ist. „John Wayne is big leggy?“ Nein, „Sailing“ von Rod Stewart und „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher hat er im Programm. Dem dreifachen „Nein“ der Jury gehen keine Diskussionen voraus… Auch Andreas aus Berlin kann mit „Last Unicorn“ nicht überzeugen – kein Wunder, verkaufte er sich doch als headbangender Hardrocker und tanzte dann mit einer lau gesungenen Schnulze an. Laut Dieter Bohlen wirkt er „gänzlich unauthentisch“. Nun, als Langhaar-Model hätte er sicherlich Chancen.

Die 20-jährige Yasemin – Künstlername „Jazzmeen“ hingegen zeigt der Jury, wo der Hammer hängt: Selbstbewusst interpretiert die junge Frau Michael Jackson und kommt dank des viel zitierten „Gesamtpakets“ eine Runde weiter in den Recall.

Das Fazit des Abends lautet wohl: Ein „Superstar“ war sicherlich keiner dabei, einige Talente, die das Zeug zum Sänger bzw. zur Sängerin haben, schon, aber vor allem wieder einmal einige Kandidaten, über deren Naivität in punkto eigenes Können man nur den Kopf schütteln kann. Aber wie heißt es so schön: „Dabei sein ist alles.“ Selber schuld, wer meint, er muss…

3 Kommentar

  1. Gibt es wirklich 34.000 Leute, die sich so etwas antun wollen? Die Leidensfähigkeit der Jugend von heute ist größer als ich dachte… Danke für diese treffenden Berichte und Liveticker. Es erspart mir, dieses unsägliche Programm zu gucken und ich kann trotzdem mitreden. Spassfaktor eingeschlossen!

  2. Ich geb zu, ich hab´s gesehen…. Aber nur, weil ich nichts Besseres vor hatte. Und wenn man noch jemanden zum Lästern dabei hat, kann man diese Castings ertragen…
    Du hast eine treffende Zusammenfassung gegeben, Cat! – Danke dafür!!

  3. Super!
    Ich hab ja nur bruchstückchenhaft etwas mitbekommen am Samstagabend. Und ganz ehrlich: Ic wusste nicht mal das am Samstag ebenfalls DSDS gesendet wird. Nach deinem Artikel habe ich das Gefühl nichts verpaßt zu haben. Sowohl als auch 😉

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