Das Casting-Karussell dreht sich weiter: X-Factor sucht den Superstar

Die schnelle Kohle ist, was zählt. 2010, unzählige Superstars, Popsternchen und unerträgliche Vermarktungsorgien später, versuchen die Sender nun, das letzte Geld aus der ausgelaugten Casting-Maschinerie herauszuholen. Beim neuesten Machwerk handelt es sich um "X-Factor". Das hört sich schon mal schön englisch und geheimnisvoll an, nicht wahr? Statt Dieter Bohlen und Konsorten (die Anzahl der Mitjuroren wechselt bei DSDS fast so schnell wie die Kandidaten) darf Blondie Sarah Connor (unvergessen ihre Neu-Interpretation der Nationalhymne 2008) neben Musikproduzent George Glueck (statt blonder Holländerinnen gibt es hier einen silberhaarigen Amerikaner) und Trompeter Till Brönner die Nachwuchstalente beurteilen.

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Sie heißen DSDS, Popstars, SRSDSS oder Supertalent: Allesamt Casting-Shows. Als die Welle der Talentsucher 2002 mit dem Format „Deutschland sucht den Superstar“ unser Land überrollte, gab es wirklich noch einige, die glaubten, dass das Fernsehen tatsächlich einen Sänger bzw. eine Sängerin suchen würde, um diese bzw. diesen im Anschluss an die Show behutsam aufzubauen und groß herauszubringen. Ha! Das deutsche Fernsehvolk wurde bald eines Besseren belehrt: Die schnelle Kohle ist, was zählt. 2010, unzählige Superstars, Popsternchen und unerträgliche Vermarktungsorgien später, versuchen die Sender nun, das letzte Geld aus der ausgelaugten Casting-Maschinerie herauszuholen. Beim neuesten Machwerk handelt es sich um „X-Factor“. Das hört sich schon mal schön englisch und geheimnisvoll an, nicht wahr?

Statt Dieter Bohlen und Konsorten (die Anzahl der Mitjuroren wechselt bei DSDS fast so schnell wie die Kandidaten) darf Blondie Sarah Connor (unvergessen ihre Neu-Interpretation der Nationalhymne 2008) neben Musikproduzent George Glueck (statt blonder Holländerinnen gibt es hier einen silberhaarigen Amerikaner) und Trompeter Till Brönner die Nachwuchstalente beurteilen. Der Name des Letztgenannten bringt mich übrigens ins Stolpern, hört er sich doch an wie ein Mittelding aus Yul Brunner und Till Schweiger. 😉

Im Schwabenland, das bei dieser X-Factor-Folge recht häufig vertreten ist, gibt es einen Spruch, der lautet: „Es gibt Soddige und Soddige“ – übersetzt heißt das: „Es gibt solche und andere“. Nämlich gute und schlechte Gesangstalente. Nun könnte man, wollte man eine „seriöse“ Casting-Show sein, die letzteren unter den Tisch fallen lassen und sich auf das konzentrieren, was angeblich gesucht wird: Aufgehende Sterne am Himmel der Musikalität. Aber Quote macht, was zum Lachen bringt, und das sind nunmal die „Ausfälle“. Zwar wird der Seelstriptease nicht ganz so krass vollzogen wie beim großen Bruder DSDS, aber trotzdem werden persönliche kleine Schicksalsgeschichten wie die gemobbte Schülerin oder der Ex-Knasti mediengerecht aufbereitet. Und auch wenn die Jury nicht so bissig ist wie Dieter Bohlen und Konsorten: Sie ist leider auch lange nicht so unterhaltsam.

Den Dienstag, erster Tag der Sendung auf VOX, dem RTL-Partnersender, kann man umreißen mit „nichts Neues“, ein bisschen langweilig, ein bisschen unterhaltsam, aber kein richtiger „Aha-Effekt“. Zum Auftakt darf Student Alex, Typ Mädchenschwarm mit seiner „süßen Familie“ im Rücken, „Halt mich“ von Grönemeyer hauchen. Ja, hauchen, denn so richtig gut bei Stimme ist der gutaussehende Junge eigentlich nicht. Die Jury und das Saalpublikum sehen’s anders – drei mal entzücktes Ja, Standing Ovations. Dafür? Ich bitte Euch… Der 23-jährige Ronny aus Mannheim scheint ein Seelenverwandter von Xavier Naidoo zu sein. Eineinhalb Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis steht er auf der X-Factor-Bühne und singt ein Liebeslied für seine Freundin. Klar, das kommt an, und die Aufmachung des Trailers zu seinem Auftritt lässt befürchten, dass die Geschichte Ronnys noch weidlich ausgeschlachtet werden wird – heute unterrichtet der etwas schüchtern wirkende junge Mann an einer Musikschule, um Kinder in die richtige Richtung zu führen.

Das romantisch veranlagte Duett Alex und Nathalie hingegen driftet musikalisch wieder Richtung Heimat – die beiden verhunzen „We’ve got tonight“ mit viel Gefühl, aber leider wenig Stimme. Till Brönner schlägt einen Ferienclub als Übungsfeld vor, nicht boshaft süffisant, sondern durchaus wohlmeinend. Und auch der 39-jährige Dirk muss die Erfahrung machen, dass das, was sein Bruder daheim ganz toll findet, beim Publikum im Studio nicht ankommt. Er schafft den Einstieg in „Bleeding love“ erst mit gesanglicher Unterstützung durch Sarah Connor, die sowieso den ganzen Abend durch jede Gelegenheit nützt, um zu zeigen, wie gern und gut sie singt. Allerdings hat die Jury im Falle Dirks nicht ganz richtig zugehört, zumindest was die Stimme angeht. Klar, der Auftritt war versaut ohne Ende, doch in einzelnen Partieen konnte man erkennen, dass der total aufgeregte Show-Neuling durchaus einen passablen Falsett hat. Ich persönlich hätte da gerne mal in aller Ruhe etwas von Jimmy Sommerville gehört, „Smalltown Boy“ zum Beispiel. Auch hier gilt die unumstößliche Regel: Richtige Titelauswahl! Die Leute sollten nicht immer das singen, was sie selbst gerne hören, sondern darauf achten, was ihrer Stimme auch steht.

Bei mir komplett durchgefallen wäre das Trio „Drop-Dead Dinky-Di“ oder so ähnlich. Die drei Mädels sehen aus wie ein krasser Mix aus Hippie und Supermodel mit viel zu viel Schminke (Till Brönner: „gut gemachte Käthe-Kruse-Puppen“) und präsentieren „Emotions“ von Destiny’s Child. Die einzige Emotion, die sich bei mir einstellt, ist Gänsehaut – vom Gruseln, sorry… Hier geben die drei Unbestechlichen ein einstimmiges „Ja“, und ich bin gespannt, ob DDDD den ersten Eindruck im „Bootcamp“ genannten Trainingslager wieder wettmachen können.

Überhaupt, die Bezeichnung „Bootcamp“. Ursprünglich sind das an militärischen Vorbildern orientierte Erziehungslager für schwierige Jugendliche in den USA. Der Drill soll Unangepasste wieder auf den rechten Weg führen und sie an ein geregeltes Leben gewöhnen – mit recht zweifelhaftem Erfolg. Die Bezeichnung für ein Träller-Camp zu verwenden, ist schon etwas geschmacklos. Naja, egal – Hauptsache, es hört sich schön englisch an und passt zum geheimnisvollen Begriff „X-Factor“. Wer sich mal informieren möchte, was in einem „echten“ Bootcamp so abgeht und wie sich das auf die jugendliche Psyche auswirken kann, dem sei das gleichnamige Buch des bekannten Jugendschriftstellers Morton Rhue ans Herz gelegt (hat auch „Die Welle“ geschrieben).

Den Paul-Potts-Faktor sahnt in dieser Show der 74-jährige Italiener Quintino ab, der mit dem Schmelz eines echten Südländers „O Sole mio“ über die Bühne donnert und Standing Ovations erhält. Auch er liefert eine passende, anrührende Geschichte von seiner vor 40 Jahren verstorbenen Frau zu seinem Vortrag. Keine Chance hat der durchgeknallte Strahlemann Frankie, 29, ein liebenswert-selbstüberschätzender Freak, der sich zwar recht amüsant durch „New York City Boy“ tanzt und strippt, aber leider nicht die passenden stimmlichen Fähigkeiten aufweist. Hier zeigt sich dann aber doch ein Unterschied zu „Deutschland sucht den Superstar“: Auffällig sein reicht bei „X-Factor“ nicht, um weiterzukommen. Die Stimme steht doch deutlich im Vordergrund. Ein Hoffnungsschimmer? Mal abwarten… Mit zweimal „Nein“ haben auch die „Young Stars“ die Aufnahmeprüfung ins Erziehungscamp nicht bestanden – Fehlstart plus unsichere Performance waren schuld. Sarah Connor hetzt den Geknickten hinterher, um sie zu einem weiteren Vorsingen andernorts zu überreden – Talentjagd im buchstäblichen Sinne. Haben die etwa nicht genug gefunden?

Die gewaltfreien und jugendprogrammtauglichen Rapper Mark und Roman – „Urbanize“ – passen schon eher ins Programm. Die beiden missionieren schon an Schulen und waren auch im Kosovo, um vor den dort stationierten Soldaten aufzutreten. „Ich bin anders“ lautet ihre Botschaft, und das kommt bei der Jury an. Dreimal „Ja“, was sonst. Richtig Soul in der Stimme haben Mariessa, Annika und Daniela – kennengelernt haben sich die drei im Gospelchor, und auch wenn sie die Jury mit „Single Ladies“ nicht auf Anhieb überzeugen können: Ihre tollen und perfekt harmonierenden Stimmen kommen bei der A-capella-Version von „Sail on“ toll raus und räumen die letzten Zweifel aus. Zweifelsfrei eine talentierte Band, die sich „Karma“ nennt. Im Gedächtnis bleibt auch der fünffache Familienvater und fast schon unerträglich gute Laune verbreitende Wolfgang. Der 53-Jährige überzeugt mit „O happy day“, und wer nach dem Einspieler vor dem Auftritt schon gedacht hatte, jetzt kommt eine Lachnummer, der hat sich getäuscht: Wolfgang hat eine astreine Soulstimme und zaubert einen James-Brown-Verschnitt auf die Bühne, der sich gewaschen hat. Bei so viel positiver Energie muss einfach jeder „Ja“ sagen, und das mitgereiste Töchterlein erhält von Sarah Connor noch ein Autogramm – weiß der Teufel, warum das auf Englisch abgefasst wurde.

Die beiden interessantesten Auftritte des Abends jedoch haben wohl zwei 16-jährige Mädchen geliefert. Dazu muss man gleich sagen, dass die Barbiepuppen-Fraktion zum Glück am Dienstag abwesend war – künstliche Fingernägel, hysterisches Rumgekreische und dergleichen spielten keine nennenswerte Rolle – zum Glück. Da war zum einen Lara Pilger, eine Schülerin aus Oberschwaben, die etwas tollpatschig, aber sympathisch wirkt. In der Schule sei sie früher gemobbt worden, erzählt das mollige Mädchen mit den wachen Augen. Die anderen Kinder hätten behauptet, sie könne nicht singen. Man ahnt Schlimmes, denn meistens haben die Leute recht mit solchen Aussagen. Ihr Vorbild: Lady Di. Ihr Titel: „Valery“ von Amy Winehouse. Doch statt verklemmt das Lied zu versauen, holt das kleine Powerbündel tief Luft und legt mit unglaublich positiver Ausstrahlung, rund und fröhlich, los. Die Stimme passt; das ist wahrlich keine Weltklasse-Sängerin, aber durchaus angemessen und passabel. Die Juroren sind sich einig, dass 16 schon extrem jung für eine Show mit solchem Konkurrenzdruck ist, doch Lara fängt an zu handeln – mit Erfolg. Sarah gibt ihr ein „Ja“, George ein „Nein“ – und Till gibt Sarahs Betteln nach und schickt Lara eine Runde weiter. Mal sehen, wie sich die Kleine in Runde zwei schlagen wird…

Und dann ist da noch die ebenfalls 16-jährige Klaudia. Seit drei Monaten erst lernt sie Gitarre – das hindert sie nicht, sich selbst auf dem Instrument zu begleiten. Überhaupt: Angst kennt sie keine. „Ich hab die Eier“, gibt sie selbstbewusst bekannt, und singt „Almost Lover“. Eine helle, kiecksige, fragile Stimme füllt die Bühne, eine Stimme, die an den richtigen Stellen laut wird und bricht. Mancher Ton geht etwas daneben, aber Klaudia hat was. Definitiv. Ob der Zauber über die nächsten Runden anhalten wird? Die Jury schickt sie zumindest tief beeindruckt mit dreimal „Ja“ weiter. Und etwas Besonderes hat sie auf jeden Fall. Und der Rest? Man wird sehen…

4 Kommentar

  1. Ich hab deine Casting-Resumees schon vermisst, Cat!!!
    🙂

    Wie immer liest sich deine Zusammenfassung locker, fluffig, unterhaltsam!
    Dankeschöön!!

  2. Ich oute mich lieber gleich: ich habe nicht zugeschaut , hatte aber trotzdem jede Menge Spaß beim lesen, cat !
    Vielen Dank !

  3. Gut auf den Punkt gebracht, Cat! Wir werden mit (mässiger) Spannung verfolgen, wie sich Show und Kandidaten entwickeln…

  4. Ich bin gestern erst mitten in der Sendung eingestiegen. Hier wird meine Vermutung, dass ich nichts verpasst habe, bestätigt. Sehr unterhaltsame Zusammenfassung einer zweistündigen Sendung, die (fast) ohne Highlights auskommen musste. Danke, Cat!

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